Doppel-Weihnachten!

Schweizer Bürokraten müssen immer zuerst zeigen, dass es sie gibt und dass es sie braucht. Sie müssen sich beschäftigen. Wenn ein spezieller Fall vorliegt, wie zum Beispiel ein behinderter Student an der ETH, so ist das mjamm, mjamm, mjamm, leckeres Fressen. Hunderte von Stunden wohlverdienter Löhne für zwingend notwendige Bürokraten werden fällig. Suppi, da ist doch wirklich der Brechbühl, der will studieren und etwas lernen, trotz seinem Hirnschaden.

Was für ein Weihnachtsfressen für eine ausgebaute Bürokratie wie sie von der ETH gepflegt wird.

Vor einem Jahr schrieb ich hier, wie sich die ETH-Rektoratsangestellten vorbildlich erkundigten nach meinen Bedürfnissen als Behinderter und nach meinen Einschränkungen. Im Unterschied zur Uni Bern, hatte man an der ETH erkannt, dass es um Behindertengleichstellung geht und dass es da eine Bundesverfassung, ein Gesetz und Vorschriften zu beachten gibt. Man hat sich bei mir erkundigt, was meine Einschränkungen seien. Später dann, nach der Anmeldung hat mir die Spezialistin in den Rektoratsdiensten frühzeitig erklärt, wann und wo ich welche Gesuche einreichen, welche Arztzeugnisse beibringen muss.

Was für Unterschied das doch ist zur Uni Bern, wo sofort, vom ersten Semester an meine Behinderung zum Vorwand für einen eigentlichen Mobbingkrieg missbraucht wurde. Die Uni Bern hat massivste Führungsprobleme. Auch an der Uni Bern gibt es eine Beauftragte für Behindertengleichstellung. Diese Dorit Fankhauser nutzte schon das erste Telefongespräch mit mir, um hinter meinem Rücken diffamierende emails in der Uni herum zu verschicken. An der Uni Bern musste ich die Behindertengleichstellung in der Rekurskommission durchsetzen. Die Argumente des Dekanates der phil-nat Fakultät zeigten, dass diese Leute schlicht keine Ahnung hatten, worum es geht und augenscheinlich auch keinen uniinternen Rechtsdienst, der das alles sachkundig hätte erklären können.

Auf den ersten Blick erwartet einen an der ETH das süsse Leben des vorzüglich betreuten Studenten. Allerdings habe ich 22 Jahre Kampferfahrung im Umgang mit Bürokratien. Ich traue dem Frieden nicht. Vertrauen habe ich mir systematisch abtrainieren müssen. Wäre es anders, so hätte ich den bürokratischen Vernichtungskrieg nicht überlebt.

Nein, ich habe nicht zugewartet! Nein, ich habe nicht gewartet, bis die ETH-Bürokraten mir schrieben, welche Zeugnisse ich einreichen müsse. Ich liess nicht zu, dass die Bürokraten ihre eingeschliffenen Abläufe in Gang setzen konnten. Ich wurde von Anfang an aktiv, reichte schon beim ersten, kleinsten säuselnden Gegenwind ein erstes kurzes Arztzeugnis ein. Das hat mir letztlich den Sieg ermöglicht.

Schon vor einem Jahr hatte ich der Sekretärin bei den akademischen Diensten geschrieben, dass ich als Folge meiner Behinderung in schriftlichen Prüfungen nicht richtig funktioniere. Nahezu jede andere Leitungskontrolle kann ich absolvieren und dort auch zeigen was ich gelernt habe und was ich kann. Das wären mündliche Prüfungen, Seminararbeiten, schriftliche Hausarbeiten. Einzig in den schriftlichen Prüfungen, da funktioniere ich nicht und bin als Folge meiner Behinderung im Nachteil. Postwendend kam dann die Antwort von der zuständigen Sekretärin im ETH-Rektorat: Die ETH mache das nicht. Die ETH habe noch nie eine schriftliche mit einer mündlichen Prüfung ersetzt. Vorne drauf auf der Fassade kommt das mit dem ganzen Dünkel daher:

„WIR von der ETH, WIR sind de ÖPPER, WIR machen SO ETWAS nicht!!!!“

Ich hatte einen Haufen Arbeit vor mir. Für jeden anderen mit weniger Lebenserfahrung in solchen Kämpfen ist das elender Stress. Von mir verlangt es vor allem vorausschauende Planung, eiserne Disziplin in den Zeitabläufen, rechtzeitig die Literatur, die Reglemente, die Rechtsprechung besorgen und studieren. Jeden Tag, jede Woche die Zeit neu einteilen, schauen, was diesbezüglich erledigt werden muss. Das alles muss ich neben dem Studium her bewältigen. Die Wahrheit ist, dass ich jetzt ein ganzes Jahr lang ungefähr gleichviel Pensum für die Beschäftigungstherapie für die ETH-Bürokraten aufgewendet habe, wie für mein eigentliches Studium.

Solcher Aufwand lenkt ab und schlägt aufs Gemüt. Bei mir schlägt er unmittelbar auf die Leistung durch, und zwar immer dann wenn ich den Überblick verliere, nicht weiss, wie es im Verfahren weitergeht und ich meine Handeln neu organisiereun muss. Im Frühjahrssemester bei einer Teilprüfung, wo ich gut Bescheid wusste, machte ich grobe Flüchtigkeitsfehler und die Note war eine 5.25. Jetzt vor Weihnachten steckte ich eine 5 ein bei einer Prüfung, wo ich mich während vielen Monaten mit grossem Aufwand vertieft hatte, in einem Fach, wo ich mich sehr gut auskenne. In beiden Fällen haben die Professoren sorgfältig und gerecht benotet. Die Note entspricht dem, was ich in den Prüfungen geleistet hatte. Ich brauche nicht zu jammern. Jedoch mache ich klar, dass sogar ein routinierter und abgebrühter Krieger wie ich, Leistungseinbussen einsteckt. Ein 23-jähriger Student kann einen solchen Kampf nicht durchhalten.

Mit dieser Aktion hat sich das ETH-Rektorat zweimal Weihnachten versüsst, 2015 und 2016. Soweit ich das aus den Akten herauslesen kann, haben ETH intern mindestens 10 Personen an diesem Fall gearbeitet und keine davon weniger als drei Stunden. Dazu kommen noch die Leute von der Beschwerdekommission, die sich vorbildlich gekümmert und ein sauber formuliertes, übersichtliches Urteil verschickt haben. Ich hoffe die ETH-Bürokraten lassen es jetzt gut sein, und lassen von jetzt an die ganz normalen, anständigen Rechte ihrer Studenten gelten, so wie es sich gehört.

Am Schluss habe ich gesiegt. Die ETH-Beschwerdekommission gab mir auf der vollen Linie recht. Die ETH muss in meinem Fall die schriftlichen mit den mündlichen Prüfungen oder mit anderen geeigneten Leistungskontrollen ersetzen. Zudem muss mir die ETH die Kosten ersetzen, die ich für diesen Prozess auf mich nehmen musste. Das sind Fr. 284.- Parteientschädigung.

P.S.
Wer selber einen solchen Prozess führen muss, darf sich bei mir melden. Ich gebe gerne Kopien des Urteils weiter. Es ist sauber und verständlich formuliert. Man kann dieses Urteil wie eine Handlungsanleitung lesen: Es enthält der Reihe nach alles, was Du tun und wissen musst, um den Erfolg zu wiederholen. Teilweise kann es auch für Studenten anderer Universitäten als Vorbild genutzt werden.

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